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03/17 - Karl May


Kategorien : Alpha des Monats

03/17 - Karl May

Ein Schuss, ein Schrei. Das war Karl May.

Zweifellos gehört Karl May mit einem Werk von rund einhundert veröffentlichten Büchern zu den fleißigsten Schriftstellern aller Zeiten. Mit einer Gesamtauflage von über 200 Millionen Exemplaren (davon alleine 100 Millionen in Deutschland) ist ihm gleichzeitig der Rang des meistgelesenen deutschen Autors sicher. Ihn jedoch einen „Reiseschriftsteller“ zu nennen, wie er sich zu Lebzeiten gerne selbst betitelte, wäre schamlos übertrieben. Tatsächlich hat Karl May die Länder, in denen die meisten seiner Geschichten angesiedelt sind, erst Jahrzehnte später selbst bereist. Sein Wissen über den Wilden Westen und den fernen Orient entstammt zumeist den enzyklopädischen Nachschlagewerken seiner Zeit.

Dabei bezogen (und beziehen immer noch) ganze Generationen von Lesern ihr Wissen über den Wilden Westen und das „wilde Kurdistan“ aus seinen Büchern. Insbesondere sein dreibändiger Winnetou-Zyklus rund um den tapferen Häuptling der Mescalero-Apachen hat das Bild des „edlen Wilden“ nachhaltig geprägt. Doch bevor Karl May sich einen Platz in der Liga der unsterblichen Autoren erschreiben konnte, verlief sein Leben alles andere als in geordneten Bahnen. Um zu erfahren, wie sehr das Schicksal ihn mitunter gebeutelt hat, und warum er mehrmals lange Haftstrafen absitzen musste, werfen wir einen Blick auf den Menschen, der sich hinter dem legendären Schriftsteller Karl May verbirgt.

Kindheit und Jugend

Karl Friedrich May kommt am 25. Februar 1842 im erzgebirgischen Ernstthal zur Welt. Er ist das fünfte von insgesamt vierzehn Kindern, von denen neun bereits in den ersten Monaten nach der Geburt sterben. Die Mays sind eine Weberfamilie und bettelarm. Kurz nach seiner Geburt verliert Karl aus ungeklärten Gründen das Augenlicht und verbringt die ersten Lebensjahre im Fantasiereich der Geschichten, die ihm seine sprachbegabte Großmutter erzählt. Als Karl fünf Jahre alt ist, kann er nach der Behandlung eines Arztes plötzlich wieder sehen und wird kurz darauf eingeschult. Er ist der einzige Sohn der Familie und sein ehrgeiziger Vater Heinrich August May will ihm bessere Chancen verschaffen, als er selbst sie in seiner Kindheit hatte. Karl wird gezwungen ganze Bücher abzuschreiben und zum Selbststudium wissenschaftlicher Werke angehalten. Darüber hinaus wird er vom Ernstthaler Kantor Strauch gefördert und erhält Privatunterricht in Musik und Komposition.

Nach eigenen Angaben verdient Karl sein erstes eigenes Geld im Alter von zwölf Jahren als Kegeljunge. Er steht am Ende der Kegelbahn, stellt die umgeworfenen Kegel wieder auf und rollt die Kugeln zurück. Dabei lauscht er den teilweise recht deftigen Gesprächen der Kegelbrüder und trifft auf die ersten Rückkehrer aus der „Neuen Welt“. Ihre Geschichten aus Amerika faszinieren und beeindrucken den Jungen nachhaltig.

Begabung versus Kriminalität

Mit gerade einmal vierzehn Jahren beginnt Karl 1856 als Proseminarist am Lehrerseminar in Waldenburg zu studieren. Die ersten vier Jahre gilt er als ehrgeiziger und fleißiger Anwärter auf das Lehramt, doch 1860 wird er wegen der Unterschlagung von sechs Kerzen vom Studium ausgeschlossen. Ein Bagatelldelikt, zweifelsfrei, und doch scheint es ihm seine Zukunftsplanung zunichte zu machen. In seiner Verzweiflung reicht Karl ein Gnadengesuch ein und hat damit Erfolg. Kurz darauf kann er sein Studium am Lehrerseminar in Plauen fortsetzen, wo er im September 1861 seine Abschlussprüfung besteht. Er arbeitet übergangsweise an der Armenschule in Glauchau und tritt im November 1861 eine Lehrerstelle an der Fabrikschule von Altchemnitz an.

Seine Lehrerlaufbahn endet jedoch bereits nach wenigen Wochen abrupt mit der Anzeige eines Zimmergenossen wegen „widerrechtlicher Benutzung fremder Sachen“. Karl hatte mit Erlaubnis seines Mitbewohners dessen Reserve-Taschenuhr während des Unterrichts benutzt, sie jedoch ohne Absprache mit in die Weihnachtsferien genommen. Ebenso zweifelsohne ein Bagatelldelikt, wie die im Lehrerseminar unterschlagenen Kerzen, doch mit weitreichenden Folgen: Karl muss eine sechswöchige Haftstrafe absitzen und wird als Vorbestrafter von der Liste der Lehramtskandidaten gestrichen. Über fünf Jahre Ausbildungszeit sind wegen eines kleinkarierten Zimmergenossen über Nacht sinnlos geworden.

Die folgenden beiden Jahre versucht May sich mehr schlecht als recht mit legalen Mitteln über Wasser zu halten. Er gibt in seinem Heimatort Privatunterricht und komponiert verschiedene Musikstücke. Diese Tätigkeiten machen ihm zwar Freude, werfen aber so wenig Gewinn ab, dass May versucht seinen kargen Lebensunterhalt mit kleinen Betrügereien etwas aufzustocken. Doch das Gaunerhandwerk scheint ihm nicht zu liegen. Alsbald wird er wegen Diebstahl, Betrug und Hochstapelei steckbrieflich gesucht. Bei dem Versuch einen Pelzmantel, den er sich unter falschem Namen erschlichen hat, im Pfandhaus zu versetzen, wird er verhaftet. Die vom Gericht verhängte Strafe fällt mit vier Jahren Arbeitshaus unverhältnismäßig hart aus. Er sitzt dreieinhalb Jahre seiner Haftstrafe ab und legt in dieser Zeit über 100 Titel und Inhaltsangaben von Romanen an. Nach dem Gefängnis soll das sein Grundstein für eine geplante Schriftstellerkarriere werden. Doch es kommt zunächst anders.

Alle Versuche Mays, sich nach seiner Freilassung eine bürgerliche Existenz aufzubauen scheitern. Bald schon greift er wieder auf Trickbetrügereien zurück, deren möglicher Gewinn oft in keinem Verhältnis zu den damit verbundenen Risiken steht. Es kommt, wie es kommen muss und May wird im Jahr 1869 wieder verhaftet, kann jedoch während eines Gefangenentransports fliehen. Nach einer Odyssee quer durchs Land wird er im Januar 1870 wegen Landstreicherei in Böhmen festgenommen. Nach der Verhaftung gibt er sich als Albin Wadenbach aus. Er behauptet der Sohn eines reichen Plantagenbesitzers auf der Insel Martinique zu sein und seine Papiere auf der Reise nach Europa verloren zu haben. Der Schwindel fliegt erst nach mehreren Wochen einer eingehenden Identitätsprüfung auf und er wird als der Kleinkriminelle Karl May erkannt. Nach seiner Überstellung ins sächsische Waldheim verbüßt er erneut eine vierjährige Haftstrafe im dortigen Zuchthaus.

Die Wandlung

Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus kehrt May 1874 in sein Elternhaus zurück und beginnt zu schreiben. Die geschichtliche Entwicklung greift ihm bei seinen Plänen unter die Arme: Durch die zunehmende Alphabetisierung der Bevölkerung im Rahmen der Industrialisierung schießen neue Verlage wie Pilze aus dem Boden und der Bedarf an Texten wächst ständig. Noch im gleichen Jahr kann May eine Erzählung an eine Zeitung verkaufen und erhält kurz darauf eine Stelle als Redakteur bei dem Dresdner Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer. Damit ist Mays Lebensunterhalt zum ersten Mal in seinem erwachsenen Leben gesichert. Er ist für die Betreuung verschiedener Unterhaltungsblätter verantwortlich und veröffentlicht selbst zahlreiche Artikel. Doch auch dieses Glück ist nur von kurzer Dauer: May kündigt, als der Verleger ihn drängt seiner Schwägerin zu heiraten, um ihn dauerhaft an den Verlag zu binden. 1878 zieht May mit seiner Freundin Emma Pollmer nach Dresden und versucht sich mit mäßigem Erfolg als freier Schriftsteller.

Die Wende kommt für May 1879, als der Herausgeber der katholischen Wochenzeitung „Der Hausschatz“ ihm anbietet seine Erzählungen regelmäßig zu veröffentlichen. Fortan beliefert er die Zeitung acht Jahre lang mit Reiseerzählungen aus seinem Orientzyklus und schreibt nebenher noch unter verschiedenen Pseudonymen für andere Herausgeber. Das regelmäßige Einkommen ermöglicht ihm einen Umzug nach Oberlößnitz in die Villa Agnes, wo er in Kontakt mit Friedrich Ernst Fehsenfeld kommt. Der Jungverleger ist von Mays Erzählungen begeistert und bietet ihm an, seinen Orientzyklus in Buchform zu veröffentlichen. Kurz darauf erscheinen „Karl May’s Gesammelte Reiseerzählungen“ und werden über Nacht zum literarischen Verkaufsschlager. Geld und Ruhm fliegen ihm zu und um es mit Fontane zu sagen: Nach „Irrungen und Wirrungen“ ist Karl May endlich an seinem Ziel angekommen.

Schleichender Realitätsverlust

Doch wo viel Licht ist, gibt es auch reichlich Schatten. Mit zunehmendem Erfolg verliert sich Karl May immer weiter in der Fiktion seiner Geschichten. Er versteigt sich in die Behauptung, er selbst sei es gewesen, der all die Abenteuer in seinen Büchern erlebt habe und Old Shatterhand wird zu seinem zweiten Ich. In seiner Besessenheit lässt er sich sogar von einem Waffenschmied die legendären Gewehre seiner Romanhelden anfertigen und posiert für Fotografen im Trapperkostüm mit dem „Bärentöter“ und der „Silberbüchse“ im Anschlag. Bei einem Vortrag im Jahr 1897 überspannt er den Bogen, als er vor zahlreichen Zuhörern behauptet mehr als 1.200 Sprachen und Dialekte zu beherrschen und darüber hinaus als direkter Nachkomme Winnetous Befehlshaber über 35.000 Apachen zu sein. Kritikern und Personen, die ihn widerlegen könnten, geht er fortan aus dem Weg und zieht sich in seine „Villa Shatterhand“ in Radebeul zurück.

Die letzten Jahre

Nach der Jahrhundertwende um 1900 wird May von den Verfehlungen seiner Jugend eingeholt. Ein Journalist veröffentlicht die Wahrheit über seine Verurteilungen und Haftstrafen und May gerät zunehmend in die öffentliche Kritik. Er versucht mit seinem literarischen Spätwerk gegen die Anschuldigungen anzuschreiben und als ernsthafter Autor anerkannt zu werden. Doch erst zwei Wochen vor seinem Tod soll ihm die Absolution der Öffentlichkeit zuteilwerden: Sein Vortrag „Empor ins Reich der Edelmenschen!“ am 22. März 1912 in Wien wird zu einem Triumph sondergleichen, der alle Anschuldigungen gegen ihn in den Hintergrund rücken lässt. Mit im Publikum sitzt übrigens der erfolglose Kunstmaler Adolf Hitler.

Am 30. März 1912 stirbt Karl May in der Villa Shatterhand. Als Todesursache werden Herzversagen oder eine chronische Bleivergiftung vermutet. Wahrscheinlich hat Karl May dieses Geheimnis mit in die ewigen Jagdgründe genommen. Hugh.

„Sieg, großer Sieg! Ich sehe alles rosenrot!“

Karl Mays letzte Worte auf dem Sterbebett

Copyright Foto: © National Széchényi Library - Flickr.com

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