P wie Perfektionismus

P wie Perfektionismus

Sterben? Aber bitte stilvoll.

Ich möchte gerne mit einer kleinen Anekdote in unser heutiges Thema einsteigen. Also: Der 1858 geborene Amerikaner William Eliot Morris Zborowski war nicht nur unverschämt reich, er war auch einer der ersten Autorennfahrer der Geschichte. Vor allem aber war er ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, stets perfekt gestylt und nach der neuesten Mode gekleidet. Bei dem berühmten Bergrennen von La Turbie bei Nizza im Jahr 1903 sollte ihm ebendiese Perfektion allerdings zum Verhängnis werden: Er blieb mit einem seiner goldenen Manschettenknöpfe an dem damals noch üblichen Handgashebel hängen, verriss das Steuer seines Mercedes und prallte gegen einen Baum. Er war sofort tot.

Das FAZ- Magazin kommentierte das seinerzeit folgendermaßen: „So starb er stilvoll, ein Gentleman vom scharfen Scheitel bis zur handvernähten Schuhsohle.“ Ich sehe ungläubiges Kopfschütteln: Goldene Manschettenknöpfe bei einem Autorennen? Echt jetzt? Ja, echt jetzt. Mr. Zborowski war halt Perfektionist, in jeder Hinsicht. Und ist es ihm gut bekommen? Ich würde sagen: Nein. Hätte er sich nicht perfekt, sondern professionell gekleidet, sprich einen Renn-Overall getragen, wäre das nicht passiert. Was lernen wir aus diesem Beispiel? Ganz klar: Perfektionismus in jeder Hinsicht ist nicht zwangsläufig die beste aller möglichen Optionen. Oder einfacher ausgedrückt: Profis müssen nicht perfekt sein.

Was ist überhaupt perfekt?

Fauna und Flora unseres Planeten zeigen uns, was es bedeutet perfekt an die jeweiligen Lebensumstände angepasst zu sein. Nehmen wir beispielsweise den Hai. Im Lauf der Evolution hat sich das Hai-Modell so perfekt an das Überleben im Meer angepasst, dass seine Erfolgsgeschichte mittlerweile rund 400 Millionen Jahre andauert. Ebenso lange gibt es Farne, die es geschafft haben sich über den ganzen Erdball zu verbreiten und sämtliche Katastrophen und Klimaschwankungen zu überleben. Schaut man sich hingegen an, wohin uns die mit 160.000 Jahren vergleichsweise kurze Menschheitsgeschichte gebracht hat, stellt sich die Frage, ob wir auch nur die nächsten 1.000 Jahre überleben. Obwohl: Die perfekte Selbstvernichtung ist ja auch irgendwie Perfektionismus, oder? Also lässt sich feststellen, dass Perfektion in der großen Masse Mensch schon mal nicht funktioniert. Wie sieht es aber mit der Perfektion des Einzelnen aus?

Perfektionisten können sich und anderen schaden

Der Perfektionist blockiert mit seinem 100-Prozent-Anspruch oft sich und andere bei der Suche nach einer raschen und zufriedenstellenden Lösung für jedwedes Problem. Andersherum gesagt: Der Perfektionist findet für jede Lösung ein Problem. Anstatt sich über eine effektiv geschaffte 80-Prozent-Lösung zu freuen, konzentriert er sich auf die seiner Meinung nach fehlenden 20 Prozent. Die existieren aber in der Regel nur in seiner Phantasie: Perfekte Lösungen sind äußerst selten und brauchen in der Natur (siehe Hai und Farn) oft Millionen Jahre zur Umsetzung. Befindet sich ein solcher Perfektionist in einer leitenden Position, kann er den Schwung eines ganzen Teams mit nörgeligen Haarspaltereien und Spitzfindigkeiten komplett ausbremsen. Spontanität und Kreativität bleiben dabei genauso auf der Strecke wie der richtige „Arbeits-Groove“, ohne den ein Team sein eigentlich vorhandenes Arbeitspotential nie voll ausschöpfen kann. Böse Zungen nennen ihn „Korinthenkacker“, und wer einmal unter einem Perfektionisten-Chef arbeiten musste, wird ihnen diesen Kraftausdruck nicht verübeln.

Der einsame Perfektionist

Anders verhält es sich mit Perfektionisten, die allein für sich im stillen Kämmerlein nach Perfektion streben. Wenn ein Schweizer Uhrmacher 20 oder mehr Jahre seiner Lebenszeit in die Suche nach dem perfekten Uhrwerk investiert, darf man auf das Ergebnis gespannt sein. Genau wie auf das Buch eines Schriftstellers, der Tag für Tag nach den perfekten Formulierungen sucht, und froh ist, wenn er am Abend drei Sätze zu Papier gebracht hat. Die haben es dann in der Regel aber auch in sich. Fazit: Der einsame Perfektionist nervt nicht und verblüfft gelegentlich mit einem echt großen Wurf. Natürlich nur, wenn er sein Projekt auch der Öffentlichkeit präsentiert, obwohl es (in seinen Augen) ja erst zu 99,9 Prozent gelungen ist.

Der Perfektionist und die Liebe

Die Suche nach der perfekten Frau gestaltet sich für einen Perfektionisten schwierig. Warum? Nun, es gibt sie einfach nicht. Und gäbe es sie doch, würde sie sich bestimmt keinen kleinkarierten Perfektionisten angeln. Dann schon lieber eine gesunde Mischung aus Naturbursche, Gentleman und Latin Lover. Geht der Perfektionist dennoch eine Beziehung ein, ist sie für ihn in der Regel ein Deal mit Kompromissen. Eigentlich genügt „Sie“ ja seinen Ansprüchen nicht, aber auf immer und ewig allein durchs Leben zu stapfen ist auch keine Lösung. Außerdem hat ja auch ein Perfektionist Bedürfnisse. Vermute ich zumindest, obwohl…perfekter Sex ist ja auch so ein Mythos, dem das reale Leben mit interessanten Körperausformungen gerne einen Strich durch die Rechnung macht. Doch bevor wir uns hier im Kopfkino verirren, machen wir lieber Schluss. Ich glaube mit 769 Wörtern hat dieser Text die perfekte Länge. Oder sollte ich doch noch einen Satz…

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Kategorien : Das psychologische Alpha(bet) des Mannes.

Veröffentlicht : 02.03.2017 08:02:05