R wie Risiko

R wie Risiko

No risk, no fun…

Nachdem in Sachen „schneller, höher, weiter“ so ziemlich alle Rekorde abgearbeitet sind, geht der Trend jetzt in Richtung „mutiger, riskanter, völlig verrückt“. Im Netz wimmelt es von Videos, die einem entweder die Haare zu Berge stehen lassen oder gleich einen akuten Brechreiz auslösen. Wenn ich sehe, wie ein junger Russe an einem Arm über einem Abgrund baumelt und mit der freien Hand ein Selfie knipst, wird mir übel, echt. Die meisten dieser Videos haben mit schwindelerregenden Höhen oder unglaublichen Geschwindigkeiten zu tun. Im besten Fall mit beidem gleichzeitig. Oder sollte ich sagen: im schlimmsten Fall? Und alles natürlich völlig ungesichert. Wer in 300 Metern Höhe auf einer Slackline einen Canyon überquert und dabei eine Sicherungsleine benutzt, macht sich ja schon lächerlich. So wird das auf jeden Fall nichts mit dem viralen Clip. Denn darum geht es ja heute nur noch: Reichweite im Netz. Die einfache Formel dafür lautet: Je riskanter, desto mehr Klicks, Follower, Likes, whatever.

Die Entdeckung der Gefährlichkeit

In der Steinzeit gab es keine Sportvereine. Das ganze Leben war ein Rennen, Klettern, Springen und Werfen. Wer hatte nach einer ausgedehnten Mammutjagd schon noch Lust einen Marathon zu laufen? Klar gab es auch damals bereits Wettkämpfe, nur wurden die in der Regel mit Keule und Speer ausgetragen und nannten sich Stammesfehden. Und besonders sportlich ging es dabei wohl auch nicht zu, eher blutig bis tödlich. In erster Linie drehte sich das Leben damals darum, Risiken zu vermeiden, nicht sie bewusst einzugehen.

Das änderte sich erst, als der Mensch so zivilisiert war, dass er begann sich zu langweilen. Abends saßen die Männer am Kamin im sicheren Steinhaus, statt ums Lagerfeuer vor der Höhle zu hocken. Sie erzählten sich die Abenteuer ihrer Vorfahren und schwelgten in Erinnerungen an die gute, alte Zeit. Da waren Männer noch echte Männer. Erfolgreiche Jäger oder ruhmreiche Krieger, nicht Bauern, Handwerker und Händler, wie sie selbst.

Einer von ihnen muss dann auf die Idee gekommen sein, mal wieder ein bisschen Action in ihr geruhsames Leben zu bringen. Vielleicht hat er gesagt: „Hört mal Jungs, der Met ist alle, das Fernsehen ist noch nicht erfunden und die Frauen sind beim Eiszeit-Schlussverkauf. Wollen wir nicht mal auf die Teufelszinne klettern?“ „Warum denn?“, könnten seine Kumpels gefragt haben. „Was sollen wir denn da oben? Außerdem ist das scheißgefährlich.“ Da war es, das Stichwort: GEFAHR. Es schwebte im Raum, verbreitete eine Ahnung von Adrenalin, Männlichkeit und Heldentum. Drei Tage später stand ein Gipfelkreuz auf der Teufelszinne und der erste tote Bergsteiger lag in einer Gletscherspalte. So, oder so ähnlich, könnte die Geburtsstunde des Extremsports ausgesehen haben.

Entwicklung eines ungesunden Trends

Nach der Erstbesteigung der Teufelszinne wurde die ganze Sache schnell ein Selbstläufer. Als die höchsten Berge bezwungen waren, wollten die reißendsten Gewässer durchschwommen, die unwirtlichsten Wüsten durchquert und die undurchdringlichsten Urwälder erforscht werden. Kaum hatte jemand sein Leben bei etwas Gefährlichem riskiert, kam ein anderer daher und riskierte sein Leben noch viel spektakulärer. Willkommen in der Teufelsspirale der Extremsportler, Survivalfreaks und sonstigen Lebensmüden. Wer heutzutage den Menschen mehr als ein mitleidiges Lächeln entlocken will, muss schon aufs Ganze gehen. Fallschirmsprünge aus der Stratosphäre werden getoppt durch Fallschirmsprünge ganz ohne Fallschirm. Weltumsegelungen werden grundsätzlich nur noch wahrgenommen, wenn sie einhändig erfolgen. Und wer den Mount Everest mit Sauerstoffvorrat besteigen will, kann auch gleich daheim auf dem Sofa bleiben.

Befeuert wird dieser Trend durch Unternehmen wie Red Bull, die jeden neuen Extremsport begierig aufgreifen und daraus ein milliardenschweres Medienspektakel machen. YouTube und Facebook leisten dabei kräftig Schützenhilfe. Alles in allem eine fabelhafte Win-Win-Situation: Die Akteure werden gesponsert, die Fans unterhalten und jede Menge Produkte verkauft. Dass dabei gelegentlich ein Wingsuit-Jumper vor eine Bergwand knallt, gehört zum persönlichen Risiko.

Ein Erklärungsversuch

Alle Welt scheint auf der Jagd nach der Viertelstunde Ruhm zu sein, von der Andy Warhol einst gesprochen hat. Anders ist dieser allgemeine Drang zum Risiko kaum zu erklären. Wer als Extremsportler in Interviews immer noch von Grenzerfahrungen und Adrenalinkick faselt, ist noch nie nachts in Berlin mit der U1 durch Kreuzberg gefahren. Das Leben ist doch ohnehin ein einziger Bungee-Sprung, bei dem man nie weiß, ob das Seil gut gesichert ist. Warum also zusätzlich und dazu noch mit voller Absicht Risiken eingehen? Ich bin da anders. Wenn ich einen schnellen Kick brauche, schaue ich mir die neue Staffel von Homeland an oder gehe samstags kurz vor Ladenschluss bei Netto einkaufen. Natürlich ohne Sicherungsleine, ein bisschen Nervenkitzel muss schon sein…

Bildquelle: Pixabay

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Kategorien : Das psychologische Alpha(bet) des Mannes.

Veröffentlicht : 10.07.2017 13:55:23