S wie Sieger

S wie Sieger

The winner takes it all…

„Ätschibätschi, Erster!“ Bereits im zarten Kindesalter scheint der Mensch (und insbesondere der Mann) von dem Drang getrieben, immer und überall der Erste zu sein. Wahrscheinlich hängt das mit dem evolutionären Wettbewerb zusammen, der ja das Überleben des Stärkeren verspricht. Und was ist stärker als immer der Erste zu sein? Ob in der Warteschlange der Kantine, beim Einstieg in den Bus oder beim reifenquietschenden Ralleystart an der Ampel: Wer hinten ist verliert - bekommt nicht sein Wunschessen, findet keinen Sitzplatz mehr oder steht an der nächsten Ampel wieder ganz hinten.

Wenn meine Schwester nach einem dreitägigen Monopoly-Marathon pleite war, flogen die Fetzen, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Mir war es egal, wenn ich verloren habe, war ja eh‘ nur Spielgeld. Meiner Schwester aber ging‘s ums Prinzip und das Wort „verlieren“ gehörte nicht zu ihrem Wortschatz. Diese Gewinner-Mentalität hat sie auch heute als erwachsene Frau noch. Es scheint also so etwas wie ein Sieger-Gen zu geben. Was nicht immer hilfreich ist, wenn es um die auf jedem Lebensweg lauernden Niederlagen geht. Einen Tiefschlag wegzustecken erfordert Nehmerqualitäten und die entwickelt man nicht, wenn Sieg die einzig akzeptable Option ist.

Survival of the fittest

Im Gegensatz zu den Schauplätzen und Methoden hat sich das Grundprinzip der Darwin’schen Theorie nicht geändert: Wer im Überlebenskampf verliert, wird langfristig aussortiert und muss das Feld dem Sieger überlassen. Wo es in der Steinzeit um die Chefposition im Stammesklan ging, wird heute um die Top-Managerposten in der Wirtschaft gekämpft. Die Keule hat ausgedient. An ihre Stelle sind Intrigen, korrupte Machenschaften und spitze Ellenbogen getreten.

Bis vor kurzem war dieses Schlachtfeld fast ausschließlich den Männern vorbehalten. Doch spätestens seit Einführung der Frauenquote für Spitzenpositionen zeigt sich, dass auch das weibliche Geschlecht ordentlich austeilen kann. Während es früher zumeist nur Sieger gab, gibt es heutzutage auch immer mehr Siegerinnen. Dieses Beispiel aus der Welt von Wirtschaft und Management lässt sich auf so ziemlich jeden Lebensbereich übertragen. Wer nicht zu den Siegern gehört, kann oft nur hoffen, dass das soziale Netz wirklich so stabil ist, wie unsere Politiker behaupten.

The loser standing small…

Im sportlichen Wettkampf ist nichts ätzender als Vierter zu werden. Das Siegertreppchen bietet nur Platz für Gold, Silber und Bronze. Wer auf dem undankbaren vierten Platz landet, bekommt nicht mal eine Siegerurkunde oder sonst irgendein Trostpflaster. Während sich die drei Ersten mit Schampus bespritzen, braucht der Vierte erstmal einen doppelten Seelentröster. Egal was, Hauptsache stark, der Kummer will ordentlich ertränkt werden. Dabei zeigt sich wahre Größe doch erst bei einem guten Verlierer. Wenn der neue deutsche Tenniswunderknabe Alexander Zverev nach einem verlorenen Match seinen Schläger zertrümmert, kann man das zwar verstehen, trotzdem bleibt ein Geschmäckle von „schlechter Verlierer“ zurück. Genau wie bei Louis Hamilton, der gerne mal seine vor ihm fahrenden Gegner „aus Versehen“ touchiert. Da wird plötzlich aus einem schlechten Verlierer ein gefährlicher Verlierer. Das erinnert an den bekannten Ausspruch: „Nichts ist gefährlicher als ein angeschlagener Boxer.“ Wer schon in den Seilen hängt, hat nichts mehr zu verlieren. Mit einem abgebissenen Ohrläppchen kommt man da noch verhältnismäßig glimpflich davon.

Verlierer, Loser, Opfer

Der in meiner Kindheit verwendete Begriff „Verlierer“ für den Letzten, Schwächsten oder Dümmsten, war noch relativ wertneutral. Abgelöst wurde er Mitte der Achtziger von dem „Loser“, was zwar genau das gleiche bedeutet, aber irgendwie härter klingt. Nach der Jahrtausendwende wimmelte es im Jugendsprech plötzlich von „Opfern“, meist in Verbindung mit einem „Spast“ oder einer „Bitch“. Wir sehen: Verlieren ist härter geworden. Das passt perfekt zur mittlerweile gängigen Mobbing-Mentalität, die Schwächere tatsächlich zu Opfern im reinsten Wortsinn macht. Immer noch einmal nachtreten, auch wenn der andere schon am Boden liegt und winselt. Da war mir das Verlieren meiner Kindheit lieber, da galten noch klare Regeln: Wer zu Boden geht verliert, wer stehenbleibt gewinnt. Und dann war aber auch Schluss, soll heißen: Dem Verlierer blieb ein Rest Würde statt einem Schädelhirntrauma. Er konnte aufstehen, sich den Staub abklopfen und aufs nächste Mal hoffen.

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Kategorien : Das psychologische Alpha(bet) des Mannes.

Veröffentlicht : 13.07.2017 13:16:04