06/17 - Ray Charles


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06/17 - Ray Charles

Der Mann mit der schwarzen Brille

„Für mich ist die Musik so wichtig wie der Blutkreislauf. Musik ist meine Existenz.“

Blind Lemmon Jefferson, Blind Willie McTell, Stevie Wonder… die Liste berühmter blinder Musiker ist lang. Sie gelten seit jeher als außerordentlich inspirierte Künstler und zugleich umweht sie der Nimbus der „blinden Seher“. Ihr fehlendes Augenlicht scheint durch eine nach innen gerichtete Scharfsicht ausgeglichen zu werden. Dieser tiefe Blick in die menschliche Seele spiegelt sich in ihrer Musik wider, rührt uns zu Tränen oder rüttelt vehement an den Grundfesten unserer Weltsicht. Bereits der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry stellte fest: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Ein wahrer Meister dieser „Herzsicht“ war Ray Charles. Begnadeter Musiker, Wegbereiter des Soul, Drogensüchtiger, Ehemann, Geliebter und Vater von einem Dutzend Kinder. Sein Markenzeichen war die schwarze Sonnenbrille, seine Magie die Stimme. Versuchen wir diesen Mann nicht mit den Augen zu sehen oder an seinen unzähligen Preisen zu messen. Versuchen wir ihn mit dem Herzen zu sehen, so wie er uns gesehen hätte.

Kindheit und Erblindung

Ray Charles wird am 23. September 1930 als Raymond Charles Robinson in Albany, Georgia geboren. Rays Vater ist ein Taugenichts und verlässt die Familie kurz nach der Geburt des zweiten Kindes. Fortan ist Aretha Charles alleinerziehende Mutter von Ray und seinem kleinen Bruder George. Die Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen und Aretha hält sich und ihre Söhne mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Als Ray fünf Jahre alt ist, muss er hilflos mitansehen, wie sein kleiner Bruder in einem Waschzuber ertrinkt. Doch ein Unglück kommt selten allein: Ray erkrankt an einem Glaukom und beginnt sein Augenlicht zu verlieren, bis er schließlich mit sieben Jahren vollständig erblindet. Seine Mutter versucht ihn trotzdem zur Selbstständigkeit zu erziehen. „Lass dich niemals zum Krüppel machen!“, schärft sie dem Jungen immer wieder ein, ermuntert ihn alleine in die Stadt zu gehen und sogar sein Fahrrad zu benutzen.

Die Blindenschule

Durch seine Behinderung hat Ray Anspruch auf Betreuung in einer staatlichen Blindenschule. Allerdings ist die nächste Einrichtung über 300 Kilometer entfernt, und so wird Ray bereits als Erstklässler mit den harten Erfahrungen von Abschied und Trennung konfrontiert. Dazu kommt die alltägliche Welle der Diskriminierung, die ihm auf der Schule entgegenbrandet. Auch 65 Jahre nach dem Ende der Sklaverei herrscht noch strikte Rassentrennung in diesem südöstlich gelegenen Teil der USA. Dieser gesellschaftliche Irrsinn äußert sich in der bizarren Tatsache, dass weiße und farbige Kinder getrennt unterrichtet werden, obwohl sie einander nicht sehen können. Einzig der Musikunterricht ist ein Lichtblick in Rays ansonsten trostloser Kindheit: Er lernt Klavier spielen und probiert sich auch an Saxophon und Klarinette aus.

Frühe Selbstständigkeit

Als Ray 14 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter. Er verlässt die Schule und kommt bei Freunden der Familie in Jacksonville, Florida unter. Trotz seiner jungen Jahre will Ray unbedingt finanziell auf eigenen Füßen stehen und sucht nach Möglichkeiten seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Kein einfaches Unterfangen für einen schwarzen, blinden Jugendlichen in dieser Zeit, aber Ray hat etwas, das die meisten anderen nicht haben: Talent. Sein Klavierspiel hat sich gut entwickelt und bereits auf der Blindenschule hat er angefangen eigene Stücke zu schreiben. Er tritt der Musikergewerkschaft bei und beginnt in den einschlägigen Musikkneipen von Jacksonville an Jam-Sessions teilzunehmen. Musikalisch orientiert er sich während dieser Zeit an seinen Vorbildern Nat "King" Cole und Charles Brown. Ray beginnt das für diese Zeit typisch unstete Leben eines Musikers im Süden der USA zu führen. Auftritte und kurzfristige Engagements führen ihn zunächst von Jacksonville nach Tampas und schließlich nach Orlando, wo er sein erstes eigenes Trio gründet. Mit dem „Maxin Trio“ nimmt Ray seine erste Schallplatte auf und spielt bei zahlreichen Live-Gigs. Schon bald ist der „Mann mit der schwarzen Brille“ als harter Verhandlungspartner bekannt, wenn es um die Höhe der Gage geht. Am Ende jedes Auftritts lässt er sich sein Geld aus Angst betrogen zu werden in Ein-Dollar-Noten auszahlen.

Erste Vaterschaft und Drogen

Kurz nachdem Ray und seine zwei Mitmusiker sich entschieden haben ins Musik-Mekka Los Angeles zu wechseln, löst sich das Maxin Trio aus unbekannten Gründen auf. Zeitgleich kommt eine seiner zahlreichen Ex-Geliebten mit einem gemeinsamen Kind nieder. Rays gerade beginnende Karriere liegt in Scherben. Er beginnt zu trinken, raucht Marihuana und landet schließlich, wie so viele seiner Musikkollegen dieser Zeit, in der Heroinfalle. Er ergattert mit letzter Kraft ein Engagement als Gaststar in der Bluesband von Lowell Fulson, wo er die zwei folgenden Jahre in einem sich ewig wiederholenden Teufelskreislauf aus Auftritten und dem nächsten Schuss gefangen ist. In seiner Verzweiflung lässt er sich auf eine Ehe mit Eileen Williams ein, die jedoch bereits nach wenigen Monaten völlig desillusioniert ist und die Scheidung einreicht. Ausgerechnet ein Umzug ins drogengetränkte New York lässt ihn wieder zur Besinnung kommen.

Solokarriere

In New York trennt sich Ray von Lowell Fulsons Bluesband und beginnt wieder als Solokünstler aufzutreten. Er besinnt sich auf seine Wurzeln, schreibt Songs über die Wellblechhütten seiner Kindheit und reduziert seinen Drogenkonsum auf einen Schuss Heroin am Tag. Schnell spricht sich herum, dass ein schwarzer, blinder Musiker die Musik-Clubs der Stadt mit einer völlig neuen Mixtur aus Rhythm & Blues, Swing und Gospel aufmischt. Schließlich wird auch ein Musikproduzent von Atlantic Records auf den jungen Schwarzen mit der alten Stimme aufmerksam. Ray bekommt seinen ersten Plattenvertrag bei einem Major-Label und kann sich seine eigene Combo zusammenstellen.

Das bei einer Aufnahmesession entstandene It Should Have Been Me wird als Single veröffentlicht und schnellt in den R&B-Charts direkt auf Platz 5. Von hier an geht es für Ray musikalisch steil aufwärts. Privat hingegen erwartet ihn in Sachen Liebe bereits das nächste Desaster: Obwohl er den Großteil des Jahres auf Tournee ist und zahlreiche Affären hat, heiratet er Della Beatrice, mit der er zwar drei Kinder bekommt, ansonsten aber nicht viel gemeinsam hat. Bis 1959 bleibt er Atlantic Records treu, kann viele Hits in den Charts platzieren und hat kommerziellen Erfolg. Das Geld ermöglicht ihm ein Leben im Luxus und in ständig wechselnden Liebesaffären, vor denen er regelmäßig im Privatflugzeug flüchtet. Uneheliche Kinder beginnen seinen Weg zu pflastern. Genauso treu wie seinem Plattenlabel bleibt er dem Heroin. Bis er Anfang und Mitte der 1960er Jahre zweimal wegen Drogenbesitz verhaftet wird und sich entscheiden muss: Entziehungskur oder fünf Jahre Gefängnis. Ray wählt den Entzug.

Ernüchtert

Nach einem Jahr Abstinenz von Heroin und Live-Auftritten ist Ray im wahrsten Sinne des Wortes ernüchtert. Er beginnt sich wieder seiner Karriere zu widmen und kann rasch an die alten Erfolge anknüpfen. An dieser Stelle überspringen wir drei Jahrzehnte. Jahre in denen Ray Charles als einer der größten Soulsänger aller Zeiten gefeiert wird, in denen er 13 Grammys erhält und in die Rock and Roll Hall of Fame, die Blues Hall of Fame, die Songwriters Hall of Fame, die Grammy Hall of Fame, die Jazz Hall of Fame, die Georgia Music Hall of Fame und die Florida Artists Hall of Fame aufgenommen wird. Das sagt eigentlich alles über seine musikalischen Erfolge.

Das Ende einer Legende

Im Jahr 2002 versammelt Ray Charles zwölf seiner Kinder in einem Hotel in Florida um sich, berichtet ihnen von seiner Krebserkrankung und plant die Aufteilung des gewaltigen Erbes, das sich auf geschätzte 75 Millionen Dollar beläuft. Zwei Jahre später stirbt Ray Charles am 10. Juni 2004 an Leberkrebs in Beverly Hills. Bei seiner Beerdigung auf dem Inglewood Park Cemetery in Los Angeles geben BB King, Glen Campbell, Stevie Wonder und Wynton Marsalis ihm zu Ehren ein gemeinsames Konzert.

„Blind, warum nicht? Ich bin trotzdem glücklich, weil die Dinge, wie ich sie mir vorstelle, in Wirklichkeit wahrscheinlich viel weniger schön sind als in meiner Fantasie. Schon aus diesem Grund will ich sie gar nicht sehen.“

Ray Charles

Copyright: © Jason Hickey - Flickr.com

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