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High Noon am Kochtopf


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High Noon am Kochtopf

Jeder noch so kleine Spartensender im TV hat mittlerweile einen Fernsehkoch. Kochen boomt, bringt Quote und ermöglicht geschickte Produktplatzierungen. Wenn das Gemüse in der Küchenmaschine von Braun gehäckselt, in Töpfen von Fissler gekocht und mit Besteck von WMF gegessen wird, rollt der Werberubel. Allen gesellschaftlichen Klischees zum Trotz wird die Fernsehküche von Männern dominiert. Nichts von wegen „Frauen an den Herd“, die Herren der Schöpfung kochen auf Teufel komm raus. Klar kommt es unter den Kochstars auch zu konkurrenzbedingtem Gedrängel und Geschubse, doch die latenten Feindseligkeiten werden dann in Form eines Kochduells ausgetragen. Duelle kommen immer gut im Fernsehen. Das hat nichts mit veganer Nächstenliebe zu tun, da heißt es dann Rinderkeule gegen blutiges Steak. Einer, der für diese Art des kulinarischen Nahkampfs bestens gerüstet scheint, ist Tim Raue. Ein Koch mit einem Namen, der Programm ist.

Tim wächst nach der Scheidung seiner Eltern bei seinem Vater in Berlin-Kreuzberg auf. Es ist Mitte der 1980er, die ersten Maikrawalle und Hausbesetzer bestimmen die Schlagzeilen und Berlin ist das verruchte Schmuddelkind der Nation. Vor den Schlägen seines Vaters flüchtet Tim auf die Straße und schließt sich einer Gang an. Die „36 Boys“ haben zu Recht einen gefürchteten Namen in der Stadt. Mitten im ehemaligen Berliner Postzustellbezirk Südost 36, kurz SO 36, beherrschen sie das Revier zwischen Görlitzer Park und Mariannenplatz. Tim ist immer vorne mit dabei, wenn es um Gangrivalitäten geht. In Kämpfen gegen die „Warriors“ vom Schlesischen Tor und die „Black Panthers“ aus dem Wedding lernt er auszuteilen und einzustecken. Trotz dieser denkbar schlechten Voraussetzungen schafft er den Realschulabschluss und bekommt einen Ausbildungsplatz als Koch. Tim lässt die „36 Boys“ hinter sich und kniet sich in die Arbeit.

Das Kochen liegt ihm. Erste Sporen verdient er sich in der Hotelküche des Brandenburger Hofs und im Restaurant Schloss Glienicke. Großküchen sind heiß, laut und hektisch. Die Arbeitsabläufe sind von einer strengen Hierarchie geprägt und als Azubi steht Tim am untersten Ende der Hackordnung. Er beißt sich durch. Wer gegen die Warriors kann, kann auch Großküche. Dieser Biss zahlt sich aus und Tim schafft den Aufstieg in die Sterneküche.1997 wird er mit gerade mal 23 Jahren Küchenchef im Restaurant Rosenbaum. Von da an geht es steil aufwärts. Tim Raue wird erst zum „Aufsteiger des Jahres“ gekürt, erhält dann die Auszeichnung zum „Berliner Meisterkoch“ und schließlich seinen ersten Michelin Stern. Seit 2010 führt er gemeinsam mit seiner Frau das Restaurant „Tim Raue“ in Kreuzberg, seinem Heimatkiez. Der Titel seiner 2011 erschienenen Biografie erklärt den unglaublichen Ehrgeiz des Sternekochs in einem knappen Satz. Er lautet: „Ich weiß, was Hunger ist“.

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