Tonpfeifen

Tonpfeifen

Nachdem das Mahl beendet war, wurden die weißen Tonpfeifen aus der Ecke geholt und angebrannt. [Theodor Storm "Der Schimmelreiter"]

Auf Gemälden der alten holländischen und flämischen Meister des 17. Jahrhunderts sind sie häufig zu sehen: Männer, die schlanke und langstielige Tonpfeifen rauchen. Oft wurden diese Rauchgeräte auf den Gemälden als moralisierendes Sinnbild der Unmäßigkeit und Eitelkeit dargestellt. Zu dieser Zeit war die Sitte des Tabakrauchens in Europa bereits fest etabliert. Als erstes Mittel der Wahl, um ihrem Genuss zu frönen, hatten die Raucher handgefertigte Tonpfeifen auserkoren. Allzu viele Alternativen gab es zu jener Zeit allerdings auch nicht –

Zigaretten und Zigarren waren noch nicht bekannt und Ton schien aufgrund seiner Eigenschaften als Ausgangsmaterial für Tabakpfeifen am besten geeignet. Mit dem Aufkommen von Tabakpfeifen aus Holz und Meerschaum im 19. Jahrhundert wurden Tonpfeifen immer mehr in ein Nischendasein zurückgedrängt. Heutzutage dienen handgefertigte Tonpfeifen vielen Pfeifenrauchern als Gästepfeifen oder preiswerte Alternative zum Ausprobieren neuer Tabaksorten. Aber nicht nur für Raucher waren und sind diese Pfeifen von großem Interesse.

Der archäologische Aspekt

Aufgrund der weiten Verbreitung und der langen Haltbarkeit des Materials werden häufig Reste von handgefertigten Tonpfeifen bei historischen Ausgrabungen entdeckt. In der Regel sind sie anhand von Formgebung oder besonderer Merkmale (Verzierungen und Manufakturstempel) zeitlich und räumlich sehr gut zuzuordnen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse lassen Rückschlüsse auf das Alter anderer Fundstücke der gleichen Ausgrabungsstätte zu. Anfangs nur als Begleitfund eingestuft, nehmen historische Tonpfeifen mittlerweile den Rang eines sogenannten "Leitfossils" unter Archäologen und Historikern ein.

Wer sich für diesen Aspekt der Tonpfeifen interessiert, dem sei die Zeitschrift "KnasterKOPF" (Fachzeitschrift für Tonpfeifen und historischen Tabakgenuss) empfohlen. Hier finden sich Artikel zum Thema Tonpfeifen von Wissenschaftlern, Archäologen und Historikern aus aller Welt. Die Publikation wurde aufgrund finanzieller Schwierigkeiten im Jahr 2009 nach 20 Ausgaben eingestellt. Auf der Homepage von KnasterKOPF können aber noch zahlreiche Artikel gelesen werden.

Der Weg in die alte Heimat

Zum Verständnis der historischen Bedeutung sowie der Verbreitungswege von handgefertigten Tonpfeifen in Europa ist ein Abstecher in die Annalen der Geschichtsschreiber unerlässlich.

Die Kulturgeschichte der Tonpfeife ist eng verwoben mit der des Tabaks und dessen Konsum als Heil- und Rauchkraut. An Bord des Schiffes, mit dem Christoph Kolumbus seine zweite Reise zu den Ufern des neuentdeckten Amerikas unternahm, befand sich neben einigen Missionaren auch der Eremitenmönch Ramon Pane. Er war der erste, der nach seiner Rückkehr im Jahre 1497 über den Gebrauch der Tabakpflanze bei den amerikanischen Ureinwohnern berichtete. Ihm war allerdings die Bedeutung des Tabaks als Heilpflanze gegen allerlei Beschwerden wichtiger als das Ritual des Tabakrauchens.

Weitere Berichte über die Tabakpflanze drangen nach den Reisen des spanischen Konquistadors Hernando Cortez nach Europa. Seine unrühmlichen Eroberungszüge des Aztekenreichs (1519-1521) wurde ebenfalls von Priestern und Missionaren begleitet. Diese beobachteten bei den Ureinwohnern die Verwendung von Tabakblättern zur Wundheilung und wurden mit der Sitte des Tabakschnupfens bekannt gemacht.

Die Berichte aus der neuen Welt ließen europäische Ärzte aufhorchen. Ihre beständige Suche nach einer wunderwirkenden Medizin schien endlich von Erfolg gekrönt zu sein. Mitte des 16. Jahrhunderts wurden in Portugal, Spanien und Frankreich die ersten Tabakpflanzen auf europäischem Boden angebaut. Die Pflanzen gediehen prächtig und bald verbreitete sich die Kunde von dem neuen "Herbe de la médicée" (Kraut der Medici) in Europa.

Während vorwiegend die Bewohner des Inlands mehr und mehr dazu übergingen Tabak als das neue "Panazee" (Allheilmittel gegen Krankheiten) anzusehen, fand das getrocknete Kraut in den Hafenstädten andere Verwendung. Matrosen brachten erste Tonpfeifen aus Übersee in die alte Heimat mit und rauchten sie vor den Augen der neugierigen Bevölkerung. Angeblich wurden die ersten rauchenden Matrosen 1586 in der englischen Hafenstadt Plymouth gesichtet. Rasch fanden sich Anhänger dieses neumodischen Brauchs. Um zur Gruppe der sogenannten "Tabaktrinker" zu gehören (der Begriff des "Tabakrauchers" setzte sich erst Mitte des 17. Jahrhunderts durch), waren zwei Dinge notwendig: Tabak und eine Tonpfeife. Hier beginnt die eigentliche Geschichte der europäischen Tonpfeife.

Die Tonpfeife erobert Europa

Da ein Großteil der damaligen Kolonisten Amerikas aus dem britischen Empire stammte, verwundert es nicht, dass die erste Tonpfeifenmanufaktur um das Jahr 1590 in England entstand. Die hier handgefertigten Tonpfeifen orientierten sich stark an dem Vorbild der indianischen "Calumets": Ein langgestreckter und schmaler Holm mit einem kleinen Pfeifenkopf. Die kleinen Pfeifenköpfe könnten aber auch dem Umstand geschuldet gewesen sein, dass Tabak zu dieser Zeit teuer und schwer verfügbar war. Im Volksmund wurden diese kleinköpfigen Pfeifen scherzhaft als "Fairy Pipes" (Elfen- oder Feenpfeife) bezeichnet.

Im Lauf der Jahre gingen die Pfeifenhersteller dazu über, ihre Modelle mit Ornamenten und Verzierungen zu versehen. Gleichzeitig wuchs die Länge des Pfeifenstiels: Holmlängen von bis zu 75 Zentimetern waren keine Seltenheit. Um diese Pfeifen noch rauchen zu können, wurde am Pfeifenkopf ein Fuß oder Sporn angebracht. Auf diesem konnte der Pfeifenraucher die Pfeife während des Rauchens abstellen.

Für die endgültige Verbreitung des Pfeifenrauchens (und damit der Tonpfeife) in Gesamteuropa ist der dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) verantwortlich. Das große Morden machte auch Deutschland zum Kriegsschauplatz. Heerscharen von Söldnern aus England, Holland, Spanien und später auch Schweden zogen über das Land und brachten Tod und Verderben – und das Rauchen. Als wäre der Krieg alleine nicht schon schrecklich genug, brach fast zeitgleich die Pest über Europa herein. Auch der "schwarze Tod" leistete seinen Beitrag zur Verbreitung des Rauchens. Tabakrauch sollte sowohl vor der Ansteckung mit der tödlichen Krankheit schützen, als auch deren Heilung bewirken – die verzweifelten Menschen klammerten sich an diesen Strohhalm und rauchten im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben.

Erste Pfeifenbäckereien in Deutschland

Die stetig wachsende Zahl der Pfeifenraucher verstärkte die Nachfrage nach preiswerten handgefertigten Tonpfeifen. Diese wurden zu Beginn noch aus dem benachbarten Holland importiert, doch bereits im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts begannen sich Pfeifenbäcker auch hierzulande zu etablieren. Die vermutlich erste Manufaktur wurde 1634 in Mainz gegründet. Auch Köln gehört zu den ältesten Produktionsstätten von Tonpfeifen. Hierüber gibt es bislang aber nur archivarische Belege – eine historische Pfeifenbäckerei aus dieser Zeit wurde bisher noch nicht gefunden.

Seitdem die Geschichte der Tonpfeifen systematisch erforscht wird, konnten deutschlandweit über 250 historische Produktionsstandorte nachgewiesen werden.

Zu damals überregionaler Bedeutung gelangten vor allem Tonpfeifen-Manufakturen aus Hessen, Sachsen, Niedersachsen und dem Westerwald. Auch im Großraum Mannheim-Frankenthal entstanden etliche Pfeifenbäckereien, die sich den Umstand des örtlichen Tabakanbaus zunutze machten.

Die Arbeitsweise der Pfeifenbäcker hat sich im Lauf der Jahrhunderte nur unwesentlich verändert. Nach wie vor entsteht eine handgefertigte Tonpfeife (wie der Name bereits sagt) nahezu ausschließlich in Handarbeit. Mittlerweile ist es hierzulande nur noch ein kleiner Kreis Pfeifenbäcker, der das alte Handwerk am Leben erhält. Schauen wir einem von ihnen über die Schulter, um zu erfahren wie sie entsteht: Die echte, handgefertigte Tonpfeife.

Die Herstellung einer Tonpfeife

Wenn der Ton aus den Tongruben kommt, ist er noch relativ trocken und schlecht verformbar. Vor der eigentlichen Pfeifenherstellung muss er daher mit ausreichend Wasser verknetet werden, um die gewünschte Konsistenz zu erhalten. Dieser Arbeitsvorgang wurde früher von den sogenannten "Wirkern" durchgeführt. Erst dann beginnt die Arbeit des "Eulers", wie der Pfeifenbäcker im Westerwald genannt wird. Der vorbereitete Ton kommt nun in den Tonschneider. Dort wird er bis zur richtigen Dichte nochmals durchgewalkt.

Auf eine am Fuß des Tonschneiders befindliche Öffnung wird eine mehrfach durchbohrte Metallscheibe gesetzt. Ähnlich wie bei einem Fleischwolf werden hier Tonwürste von vorgegebener Dicke und Länge gepresst. Jede dieser Würste besteht aus genau der Menge Ton, die für eine Pfeife benötigt wird.

Der folgende Arbeitsschritt verlangt viel Erfahrung und höchste Präzision: Der Pfeifenbäcker muss die metallene Pfeifenform exakt in die Stanze einspannen. Bereits Abweichungen von weniger als einem Millimeter können die fertige Pfeife unbrauchbar machen.

Wenn die Stanze fertig eingerichtet ist, legt der Pfeifenbäcker eine der vorbereiteten Tonwürste in die Form ein. Dann wird durch Betätigen der Stanze die zweite Formhälfte mit hohem Druck aufgepresst. Das Einpressen des sogenannten Stopfers in den Pfeifenkopf drückt den Ton bis zum Ende des Pfeifenstiels. Noch fehlt dem Pfeifenrohling das wichtige Loch im Pfeifenstiel. Hierfür wird ein dünner Draht auf einem Führungsschlitten vorsichtig in den Stiel geschoben. Der Draht verbleibt bis zum Ofenbrand in der Pfeife.

Nach dem Stanzen werden die noch nassen und sehr empfindlichen Pfeifen an der Luft getrocknet. Wenn der Ton ausreichend gehärtet ist, entfernt der Pfeifenbäcker vorsichtig alle noch vorhandenen Gratstellen und Unebenheiten mit einem Messer. Danach werden die fast fertigen Pfeifen weiter luftgetrocknet.

Ganz zuletzt erfolgt der Brand im Brennofen. Viele Pfeifenbäcker setzen im Brand ihr hauseigenes "Geheimmittel" ein, um eine optimale Qualität ihrer Tonpfeifen zu erreichen. Nach dem Auskühlen sind die Pfeifen fertig und bereit für eine letzte Qualitätskontrolle.

Keller in dem der Ton gelagert und vorbereitet wird
Keller in dem der Ton gelagert und vorbereitet wird
Ton wird in einer Presse in Form gebracht
Ton wird in einer Presse in Form gebracht
Becken in dem der Tob aufbereitet wird
Becken in dem der Ton aufbereitet wird
Zuschnitt der Tonwürste
Zuschnitt der Tonwürste
Einlegen der Tonwurst in die Presse
Einlegen der Tonwurst in die Presse
Fertiggepresste Tonpfeife
Fertiggepresste Tonpfeife
Trocknen an der Luft
Trocknen an der Luft
Brennofen
Brennofen
Nicht alle Tonpfeifen überstehen die Qualitätskontrolle
Nicht alle Tonpfeifen überstehen die Qualitätskontrolle

Die Pflege einer Tonpfeife

Im Vergleich zu einer hochwertigen Tabakpfeife aus Bruyereholz oder Meerschaum sind handgefertigte Tonpfeifen sehr preiswert. Dennoch bietet eine Tonpfeife gewisse Vorzüge: Da der Ton absolut geschmacksneutral ist, muss die Pfeife nicht erst eingeraucht werden, sondern kann von Beginn an bis zum Pfeifenkopfrand mit Tabak befüllt werden.

Die gründliche Reinigung einer Holzpfeife, die von Zeit zu Zeit fällig wird, ist recht aufwendig. Eine Tonpfeife hingegen kann einfach in der Glut eines Kamins oder Grills ausgeglüht werden. Dabei werden alle Kondensat-Rückstände im Pfeifeninneren beseitigt.